Abnehmen durch Medikamente: Die Abnehmspritze auf dem Prüfstand
Die Abnehmspritze weckt bei vielen übergewichtigen Menschen Hoffnung auf eine leichte und schnelle Gewichtsabnahme. Expert:innen diskutieren, ob die neuen Wirkstoffe wie Tirzepatid und Semaglutid einen Durchbruch in der Gewichtsreduktion bringen. Lernen Sie die Vor- und Nachteile der Abnehmspritze kennen und erfahren Sie, für wen sie sich eignet.

Wie funktioniert die Abnehmspritze?
Den gewichtsreduzierenden Effekt des Arzneimittels schauten sich Forscher:innen aus der Diabetesbehandlung ab, da sie beim Einsatz der sogenannten GLP-1 (Glucagon-like-Peptide) Analoga neben verbesserten Blutzuckerwerten eine Gewichtsabnahme feststellten. Die Medikamente basieren auf den Eigenschaften der natürlichen Darmhormone (Inkretine) GLP-1 und Glukoseabhängiges Insulinotropes Peptid (GIP). Der Körper setzt sie bei Nahrungsaufnahme im Darm frei, wo sie eine verzögerte Magenentleerung und daher ein Sättigungsgefühl bewirken. Die Abnehmspritze setzt an diesen hormonellen und das Nervensystem betreffenden Prozessen an, die Hunger, Sättigung und den Stoffwechsel steuern. Sie ahmt die Wirkung der natürlichen Darmhormone nach, indem sie
- die Insulinfreisetzung aus der Bauchspeicheldrüse fördert, wenn die Blutzuckerspiegel erhöht sind,
- den Gegenspieler Glucagon hemmt, was die Blutzuckerwerte ausgleicht,
- die Entleerung des Magens verlangsamt und
- als Appetitzügler im Gehirn wirkt.
Die verzögerte Weitergabe des Speisebreis aus dem Magen lässt den Blutzuckerspiegel nur allmählich ansteigen, was zu einer anhaltenden Sättigung beiträgt. Studien zeigen zudem Vorteile in der Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bei der Verbesserung der typischen Risikofaktoren wie Bluthochdruck und Blutfette.
Wie viel Kilo kann man mit der Abnehmspritze abnehmen?
Die Daten aus der Forschung beeindrucken: Semaglutid, der Wirkstoff in Ozempic und Wegovy, führte in Studien mit adipösen Menschen ohne Diabetes zu einer Gewichtsabnahme von 15 Prozent des Ausgangsgewichts. Ein Drittel konnte ihr Ausgangsgewicht sogar um 20 Prozent reduzieren. Noch stärker wirkt Tirzepatid, das GIP und GLP-1 Rezeptoren aktiviert und dadurch die Wirkung steigert. Bei diesem Medikament zeigten klinische Untersuchungen Gewichtsreduktionen von 25 Prozent nach einer Einnahmedauer von über einem Jahr. Eine weitere Substanz ist Liraglutid, die bei den meisten Studienteilnehmer:innen eine Gewichtsabnahme von fünf Prozent erreichte. Die hohen Prozentzahlen bei Tirzepatid und Semaglutid wirken im Vergleich zu Diäten tatsächlich wie ein Durchbruch. Deshalb erscheinen sie besonders attraktiv für Personen, die trotz Ernährungsumstellung und gesteigerter Bewegung nur begrenzte Abnehmerfolge erzielen.

Kann jede Person die Abnehmspritze bekommen?
Die Abnehmspritze gehört zu den verschreibungspflichtigen Medikamenten. Zugelassen ist die Abnehmspritze bei Adipositas (BMI ab 30) oder bei Übergewicht mit einem BMI ab 27 und Vorliegen ernährungsabhängiger Begleiterkrankungen. In Deutschland erfolgt keine Kostenübernahme über die Krankenkassen, wenn die Behandlung ausschließlich auf Gewichtsreduktion abzielt. Schwangere und Stillende dürfen die Abnehmspritze nicht anwenden. Aufgrund fehlender Studien eignet sie sich nicht bei Typ-1-Diabetes, schwerer Nieren- oder Leberfunktionsstörung, fortgeschrittener Herzinsuffizienz oder nach bariatrischer Chirurgie.
Welche Nebenwirkungen hat die Abnehmspritze?
Bei Liraglutid, Semaglutid und Tirzepatid treten insbesondere zu Beginn der Therapie Beschwerden im Magen-Darm-Trakt wie Übelkeit, Völlegefühl und Durchfall auf. Die meisten Nebenwirkungen hängen damit zusammen, dass die Abnehmspritze die Magenpassage verlangsamt. Eine langsame Dosiserhöhung und bewusste Ernährung helfen, die Beschwerden zu reduzieren.
Zu den seltenen Nebenwirkungen der Abnehmspritze gehören Entzündungen der Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis), Nierenprobleme, Schilddrüsenkrebs, Sehstörungen oder allergische Reaktionen. Wissenschaftliche Beobachtungen zum vermehrten Auftreten psychischer Probleme wie Depressionen sind uneindeutig.
Da die Abnehmspritze eine dauerhafte Anwendung erfordert, ist die Kenntnis über langfristige, aktuell möglicherweise noch unbekannte, Risiken entscheidend. Zudem kommt nach dem Absetzen in der Regel der ursprüngliche Appetit wieder zurück – und damit auch die verlorenen Pfunde.
Da die Krankenkassen die Kosten für die Abnehmspritze zur Gewichtsreduktion nicht übernehmen, müssen Interessierte tief in die Tasche greifen. Die Ausgaben belaufen sich auf mehrere Tausend Euro pro Jahr. In Verbindung mit den vor allem anfangs belastenden Verdauungsproblemen und der Notwendigkeit, den Lebensstil langfristig zu ändern, um die erfolgreiche Gewichtsabnahme zu stabilisieren, wiegen die hohen Kosten im wahrsten Sinne des Wortes schwer.
Resümee: Wie sinnvoll ist die Abnehmspritze?
Die Abnehmspritze stellt keinen Ersatz für eine gesunde Lebensweise dar. Sie bietet Menschen, die hartnäckig mit ihren Kilos kämpfen, aber ein enorm wirksames Hilfsmittel, und ermöglicht so den Einstieg in die Gewichtsabnahme. Der Abnehmerfolg durch Semaglutid & Co. motiviert und erleichtert den Einstieg in die Lebensstiländerung, da Abnehmwillige zügig erste Ergebnisse auf der Waage sehen. Da die Wirkstoffe das Hungergefühl minimieren und biologisch verankerte Mechanismen überwinden, befreit die Abnehmspritze manche Betroffene vom ständigen Gedankenkarussell rund ums Essen (Food Noise).
Interdisziplinären Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie: Langfristige Gewichtsstrategie
Für eine nachhaltige Gewichtsabnahme sollte der Einsatz von Arzneien wie Semaglutid und Tirzepatid ausschließlich in Kombination mit einer interdisziplinären Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie erfolgen. Nur dann kann die Abnehmspritze dazu beitragen, langfristig das Wunschgewicht zu halten und die Gesundheit zu verbessern. Gerne unterstützen wir Sie in diesem Prozess.
Quellen:
Schmidt S. „Abnehmspritzen“ als Thema beim Update Ernährungsmedizin. 2023 [zitiert 11.12.2025]. https://www.ernaehrungs-umschau.de/print-news/13-12-2023-abnehmspritzen-als-thema-beim-update-ernaehrungsmedizin/
Backes G. Medikamentöse Adipositastherapie – bringt die „Abnehmspritze“ den medizinischen Durchbruch? DGE wissen. 2024;11:147–151.
Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur Prävention und Therapie der Adipositas. AWMF-Register Nr. 050/001. 2024 [zitiert 11.12.2025]. https://register.awmf.org/assets/guidelines/050-001l_S3_Praevention-Therapie-Adipositas_2024-10.pdf
Maucher IV. Semaglutid. 2019 [zitiert 18.12.2025]. https://www.gelbe-liste.de/wirkstoffe/Semaglutid_55565
Schmitt N, Wende D. Abnehmspritzen: Pharmakologischer Erfolg und ökonomisches GKV-Risiko. Versorgungsanalyse und Ausgabenprognose zu GLP-1-Agonisten. Beiträge und Analysen Gesundheitswesen aktuell. 2025:162–186. doi:10.30433/GWA2025-162
Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur Prävention und Therapie der Adipositas. AWMF-Register Nr. 050/001. 2024 [zitiert 11.12.2025]. https://register.awmf.org/assets/guidelines/050-001l_S3_Praevention-Therapie-Adipositas_2024-10.pdf
