Ernährung als Medizin: Entzündungen lindern bei Autoimmunerkrankungen
Eine Autoimmunerkrankung beginnt, wenn das körpereigene Abwehrsystem einen schwerwiegenden systemischen Fehler aufweist. Anstatt den Körper zu schützen, greift es fälschlicherweise gesundes Gewebe an und behandelt es wie einen Eindringling. Die direkte Folge dieses Angriffs sind chronische Entzündungen, die die Hauptursache für Symptome wie Schmerz, Erschöpfung und die Schädigung von Organen sind.

Autoimmunerkrankungen im Überblick
Autoimmunerkrankung ist nicht gleich Autoimmunerkrankung – es gibt viele verschiedene Formen und Ausprägungen. Zentral bei allen Autoimmunerkrankungen ist die Entzündungsreaktion. Im Blut geben vor allem erhöhte Entzündungswerte (wie CRP), die Blutsenkungsgeschwindigkeit, aber auch spezifische Autoantikörper (wie Rheumafaktoren) oft die entscheidenden Hinweise für die Diagnostik. Zu den bekanntesten Autoimmunerkrankungen gehören: Rheumatoide Arthritis, Multiple Sklerose, Morbus Crohn, Hashimoto-Thyreoiditis, Typ-1-Diabetes und Systemischer Lupus Erythematodes.
Eine Autoimmunerkrankung ist derzeit nicht heilbar; die Behandlung konzentriert sich stattdessen darauf, Symptome zu lindern und das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen. Während moderne Medikamente unverzichtbar sind, um diese Fehlreaktionen zu kontrollieren, sind weitere Lebensstilmaßnahmen essenziell für eine gute Prognose, darunter auch die Ernährung. Was täglich gegessen wird, kann die Entzündungsaktivität steuern und so die medizinische Behandlung unterstützen.
Ernährungsempfehlungen bei Autoimmunerkrankungen
Bei der Ernährung muss die Gefahr der Mangelernährung beachtet werden. Patient:innen mit chronischen Entzündungen haben einen erhöhten Energie- und Nährstoffbedarf. Die Ernährungsumstellung darf daher nie zu einer streng eingeschränkten Diät werden. Sie muss die ausreichende Zufuhr aller essenziellen Nährstoffe sicherstellen und trotzdem alltagstauglich sein.
Entzündungsfördernde Ernährungsbestandteile
Arachidonsäure
Arachidonsäure ist eine mehrfach ungesättigte Omega-6-Fettsäure, die für bestimmte Körperfunktionen wie die Gehirnentwicklung und die Zellerneuerung wichtig ist. Gleichzeitig gilt sie jedoch als einer der bedeutendsten Vertreter entzündungsfördernder Fettsäuren. Der Körper nutzt die Arachidonsäure zur Bildung starker Entzündungsstoffe, sogenannter Eicosanoide, die Schmerzen und Schwellungen aktiv verstärken. Je mehr Arachidonsäure über die Nahrung aufgenommen wird, desto mehr „Treibstoff“ steht potenziell für entzündliche Prozesse zur Verfügung – insbesondere, wenn ein Ungleichgewicht zwischen Omega-6- und Omega-3-Fettsäuren besteht.
Besonders hohe Konzentrationen dieser Fettsäure finden sich in fettreichem Fleisch, Wurstwaren, Innereien sowie weiteren tierischen Produkten. Daher wird empfohlen, den Konsum solcher Lebensmittel zu begrenzen, etwa indem Fleisch- und Wurstgerichte auf maximal zwei Mahlzeiten pro Woche reduziert und Eier auf zwei bis drei Stück wöchentlich beschränkt werden.
Der Körper kann Arachidonsäure auch aus einer anderen Omega-6-Fettsäure, der Linolsäure, selbst bilden. Linolsäure kommt reichlich in bestimmten Pflanzenölen wie Sonnenblumenöl oder Maiskeimöl vor. Das Problem liegt im Verhältnis zu den entzündungshemmenden Omega-3-Fettsäuren. Dieses ist in der typischen westlichen Ernährung stark zugunsten der Omega-6-Fette verschoben.
Trans-Fette
Zusätzlich können auch industriell hergestellte Produkte wie Croissants, Chips oder Fertigwaren das Risiko für chronische Entzündungen erhöhen. Dies liegt vor allem an den darin enthaltenen Trans-Fettsäuren. Diese entstehen primär bei der industriellen Härtung von Pflanzenölen. Eine hohe Aufnahme von Trans-Fettsäuren ist mit einem erhöhten Risiko für chronische Entzündungen assoziiert.
Einfache Kohlenhydrate
Neben den Fetten gibt es auch Kohlenhydrate, die inflammatorisch, also entzündungsfördernd, wirken können. Im Vordergrund stehen hierbei Zucker und einfache, raffinierte Kohlenhydrate: Ein häufiger Verzehr von Zucker und stark verarbeiteten, schnell verwertbaren Kohlenhydraten (wie Weißmehl oder Weißbrot) führt zu häufigen und raschen Blutzuckerspitzen. Stetig hohe Blutzuckerspiegel führen zu oxidativem Stress und stimulieren die Bildung von Entzündungsmediatoren.
Gluten
Auch Gluten – ein Eiweiß, das in vielen Getreidesorten wie Weizen, Roggen oder Gerste vorkommt – kann Einfluss auf bereits bestehendes Entzündungsgeschehen haben. Es gibt Hinweise, dass Gluten bei entsprechender Veranlagung bestehende Entzündungsprozesse weiter anheizen kann. Wenn aufgrund hohen Glutenverzehrs zu viel vom Protein Zonulin ausgeschüttet wird, lockern sich die Verbindungen (tight junctions) zwischen den Darmzellen. Dadurch wird die Darmbarriere geschwächt, der Darm wird durchlässiger – das nennt man auch „Leaky Gut“, also „löchriger Darm“.
Wenn der Darm zu durchlässig wird, können Stoffe (z. B. Bakterienbestandteile) hindurchgelangen, die eigentlich draußen bleiben sollten. Gelangen diese in den Blutkreislauf, kann das Entzündungen im Körper auslösen oder bestehende Entzündungen verstärken.
Ein kompletter Verzicht auf glutenhaltige Getreide ist allerdings nur bei einer Zöliakie zwingend notwendig. Betroffene können jedoch probieren, den Verzehr zu reduzieren und häufiger auf glutenfreie Alternativen wie Pseudogetreide (Buchweizen, Quinoa, Amaranth) oder Hirse und Reis zurückzugreifen. Ein pauschaler Verzicht auf glutenhaltiges Getreide ohne entsprechende Notwendigkeit, wird auch mit negativen Aspekten in Verbindung gebracht und ist daher nicht empfohlen.
Bauchfett
Fettgewebe, besonders das sogenannte Bauchfett (viszerales Fett), ist metabolisch sehr aktiv und verhält sich wie ein eigenes Organ. Die Fettzellen dort setzen konstant pro-inflammatorische Botenstoffe frei, sogenannte Adipokine. Die Ansammlung von Bauchfett führt somit zu einer ständigen leichten Entzündung im gesamten Organismus. Für Patient:innen ist das Erreichen und Halten von Normalgewicht anzustreben, da Übergewicht systemisch entzündungsfördernd wirkt.
Entzündungshemmende Ernährungsbestandteile
Durch die gezielte Zufuhr spezifischer Nährstoffe können Lebensmittel proaktiv entzündungshemmend wirken.
Omega-3-Fettsäuren: EPA und DHA als Gegenspieler
Die Omega-3-Fettsäuren, insbesondere die marinen Formen der Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA), wirken auf zwei Weisen:
- Gegenspieler: Omega-3-Fette konkurrieren mit Omega-6-Fetten um die Enzyme im Körper. Eine hohe Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren hemmt, dass der Körper aus Omega-6-Fetten Arachidonsäure bildet, und verringert so die Produktion entzündungsfördernder Botenstoffe.
- Entzündungslindernd: Aus Omega-3-Fettsäuren bildet der Körper spezielle Botenstoffe (z. B. Protectine), die aktiv Entzündungen stoppen und die Heilung fördern.
Diese wirksamen Fette sind besonders in fettem Kaltwasserfisch wie Lachs, Hering und Makrele enthalten. Pflanzliche Quellen, wie Alpha-Linolensäure (ALA) in Leinöl, Rapsöl und Walnüssen, sind ebenfalls wertvoll, müssen jedoch im Körper in EPA und DHA umgewandelt werden. Bei vegetarischer oder veganer Ernährung kann eine Supplementation mit Algenöl zur direkten Zufuhr von EPA und DHA nach Absprache mit dem/der behandelnden Ärzt:in ratsam sein.
Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe
Chronische Entzündungsprozesse sind mit der vermehrten Bildung freier Radikale verbunden, die Zellen schädigen. Antioxidantien verbessern den Zellschutz und wirken als eine Art Schutzschild gegen diese schädlichen Substanzen.
Zu den wichtigsten Schutzstoffen zählen:
- Vitamine: Vitamin C (z. B. in Paprika, Rosenkohl, Kiwi), Vitamin E (z. B. in Nüssen, Samen, Olivenöl) und Beta-Carotin (z. B. in Karotten, Kürbis, Tomaten).
- Sekundäre Pflanzenstoffe: Dies sind die Farb-, Duft- und Aromastoffe der Pflanzen, die eine hohe antientzündliche Kraft besitzen. Dazu gehören z. B.:
- Flavonoide: in Beerenobst, Äpfeln, grüner und schwarzer Tee
- Curcumin: aus der Gelbwurz. Die Wirkung wird durch die Kombination mit schwarzem Pfeffer (Piperin) gesteigert.
- Sulfide: in Knoblauch, Lauch und Zwiebeln.
Die Empfehlung, eine bunte und vielfältige pflanzliche Auswahl, insbesondere von Obst- und Gemüsesorten, zu treffen, ist hierbei eine praktische Strategie, um die Zufuhr sekundärer Pflanzeninhaltsstoffe zu erhöhen.
Die zentrale Rolle des Darms: Das Mikrobiom im Fokus
Das Mikrobiom ist in den letzten Jahrzehnten immer mehr in den wissenschaftlichen Fokus gerückt. Da der Darm ca. 70-80 % aller fürs Immunsystem verantwortlichen Zellen innehat, spielt er eine entscheidende Rolle im Entzündungsgeschehen bei Autoimmunerkrankungen.
Ballaststoffe
Ballaststoffe, die in Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Nüssen, Obst und Gemüse enthalten sind, sind die Nahrungsgrundlage für die nützlichen Darmbakterien. Empfohlen wird eine tägliche Zufuhr von 30 bis 35 Gramm Ballaststoffen.
Beim Abbau von Ballaststoffen werden kurzkettige Fettsäuren gebildet, die die Darmbarriere stärken und entzündungsfördernde Zytokine hemmen können.
Eine ballaststoffreiche Kost nährt somit Helfer im Darm, die aktiv Entzündungen in den Gelenken bekämpfen.

Praktische Umsetzung der antientzündlichen Ernährung
Die stärkste wissenschaftliche Evidenz für den positiven Einfluss einer spezifischen Ernährungsform auf entzündliche Autoimmunerkrankungen liegt für die Mediterrane Diät vor. Diese Ernährung ist von Natur aus entzündungshemmend: Sie beinhaltet einen hohen Konsum von Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten und Vollkorn sowie die Bevorzugung von Olivenöl als Hauptfettquelle und die Reduktion von rotem Fleisch.
Entzündungsfördernd (Reduzieren) | Entzündungshemmend (Bevorzugen) |
|---|---|
Fettes Fleisch, Wurstwaren, Innereien | Lachs, Hering, Makrele, pflanzliche Eiweißquellen wie Linsen, Erbsen und Bohnen |
Sonnenblumenöl, Distelöl, Maiskeimöl | Rapsöl, Olivenöl, Leinöl, Walnussöl |
Chips, Fertiggebäck, Süßigkeiten | Handvoll Nüsse (z. B. Walnüsse, Mandeln, Haselnüsse), Saaten |
Weißbrot, heller Reis, Nudeln, Weißmehl | Vollkornbrot, Haferflocken, Naturreis, Vollkornnudeln, Quinoa, Hirse, Buchweizen |
Exkurs Heilfasten
Therapeutisches Heilfasten (z. B. Buchinger-Fasten) kann zwar keine endgültige Heilung, aber eine Linderung der Entzündungssymptome bewirken. Die positive Wirkung ergibt sich, da die Zufuhr von entzündungsfördernder Arachidonsäure vollständig unterbrochen wird und die Bildung von körpereigenem Kortison entzündungshemmend wirkt. Heilfasten ist eine temporäre Maßnahme und sollte nur als Basis für eine anschließende, langfristige Umstellung der Ernährung genutzt werden. Aufgrund der intensiven körperlichen Reaktion sollte therapeutisches Heilfasten bei bestehenden Autoimmunerkrankungen ausschließlich unter strenger ärztlicher Aufsicht erfolgen.
Fünf Ernährungstipps bei Autoimmunerkrankungen
- Regenbogen auf dem Teller
Eine abwechslungsreiche Auswahl an Obst und Gemüse versorgt den Körper mit wichtigen Vitaminen, Mineralstoffen, Ballaststoffen und einer Vielzahl schützender Pflanzenstoffe. Ideal sind täglich etwa drei Portionen Gemüse und zwei Portionen Obst – je bunter, desto besser. - Nüsse: Mini-Snack, Maxi-Effekt
Eine kleine Handvoll Nüsse am Tag (z. B. Walnüsse, Mandeln, Haselnüsse oder Paranüsse) liefert wertvolle, entzündungshemmende Fettsäuren. Da Nüsse jedoch viele Kalorien enthalten, lohnt sich ein maßvoller Verzehr, um eine unerwünschte Gewichtszunahme zu vermeiden. - Tierische Produkte: Qualität vor Quantität
Bei Autoimmunerkrankungen kann ein geringerer Konsum von fettem Fleisch und Wurstwaren hilfreich sein. Empfehlenswert sind maximal 2–3 Portionen Fleisch oder Wurst pro Woche und stattdessen lieber 1–2 Fischmahlzeiten. Achten Sie auf gute Qualität – idealerweise Fleisch aus artgerechter Haltung und Bio-Produktion. - Pflanzliche Fette bevorzugen
Zum Kochen eignen sich vor allem pflanzliche Öle wie Raps- oder Olivenöl. Kalte Speisen lassen sich hervorragend mit hochwertigen Ölen wie Walnuss-, Lein- oder Kürbiskernöl verfeinern, die viele wertvolle Fettsäuren enthalten. - Ganzheitlich denken
Ernährung ist wichtig, aber nicht der einzige Faktor. Ausreichende Bewegung, guter Schlaf und ein guter Umgang mit Stress haben ebenfalls großen Einfluss auf das Immunsystem und können die Erkrankung positiv beeinflussen.

Rezeptidee: Kichererbsensuppe mit Blattspinat
Zutaten (für 4 Personen)
400 g frischer Blattspinat, alternativ tiefgekühlt
ca. 450 g Kichererbsen, gekocht
250 ml Gemüsebrühe
1 Zwiebel
1-2 Zehen Knoblauch
2 EL Öl, z. B. Rapsöl
2 TL Currypulver
1 rote Peperoni, alternativ Chiliflocken
250 g kleine Tomaten
200 ml Kokosmilch
100 g Frischkäse natur oder z. B. saure Sahne bei gewünschter Kalorienreduktion
Paprikapulver
Salz
Schwarzer Pfeffer
Petersilie oder Koriander nach Belieben
Zubereitung:
- Den frischen Blattspinat gut waschen und grob klein schneiden, Tiefkühlspinat auftauen lassen.
- Die Kichererbsen in ein Sieb geben, abwaschen und abtropfen lassen. Die Hälfte davon mit der Gemüsebrühe pürieren.
- Zwiebel und Knoblauch schälen, fein hacken und im Rapsöl goldbraun dünsten. Spinat hinzufügen und etwa 1 Minute mitdünsten.
- Kokosmilch, pürierte Kichererbsen und Frischkäse in den Topf geben und gut verrühren. Die restlichen Kichererbsen hinzufügen und alles kurz aufkochen lassen.
- Mit Curry, fein gehackter Peperoni, Salz, Pfeffer und Paprikapulver abschmecken. Cocktailtomaten halbieren, zur Suppe geben und nur kurz erwärmen.
- Mit gehacktem Koriander oder glatter Petersilie garnieren.
Guten Appetit!
Fazit: Autoimmunerkrankungen durch Ernährung lindern
Eine entzündungshemmende, nährstoffreiche Ernährung kann dabei helfen, entzündliche Aktivitäten bei Autoimmunerkrankungen zu reduzieren. Besonders hilfreich können Lebensmittel sein, die reich an Omega-3-Fettsäuren, Antioxidantien und Ballaststoffen sind. Die Ernährung ist ein fundamentaler Pfeiler der Behandlung bei Autoimmunerkrankungen. Entscheidend ist, dass Veränderungen in der Ernährung nachhaltig und langfristig umgesetzt werden, zusammen mit weiteren Lebensstilmaßnahmen.
Jede tiefgreifende Ernährungsumstellung, insbesondere bei einer bestehenden Erkrankung und unter laufender Medikation, sollte stets in Abstimmung mit dem/der behandelnden Fachärzt:in und/oder einer zertifizierten ernährungstherapeutischen Fachkraft erfolgen.
Ernährung als unterstützende Therapie: Antientzündlich ernähren
Sie benötigen Hilfe bei der Umsetzung? Lassen Sie sich individuell beraten und entwickeln Sie einen alltagstauglichen Ernährungsplan.

Quellen:
Adam O. Ernährung als Pfeiler der Therapie: Ernährungstherapie bei rheumatoider Arthritis und anderen Autoimmunerkrankungen. Schweizer Zeitschrift für Ernährungsmedizin. 2023;03/2023.
Blumenschein B. Antientzündliches Essen – Rheumaernährung konkret und praktisch. Ernährung und Medizin. 2010;25(4):193–196 [zitiert 30.11.2025]. https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/pdf/10.1055/s-0030-1255325.pdf
Martin HH, Völkner P. Entzündungshemmende Ernährung bei Autoimmunerkrankungen. VFEDaktuell PLUS. 2023;196:8–14.
